Zeitungsbericht Main-Spitze vom 14.01.2004 (Michael Vogt)
Ausnahmezustand bei "Meerschweinchen in Not e.V.": Der Hilferuf ereilte die Rüsselsheimer am Heiligen Abend aus Stuttgart, von der "Meerschweinchen-Hilfe", dem einzigen anderen deutschen Verein von Tierschützern, der sich der Rettung der putzigen Kleintiere verschrieben hat. Ein Karlsruher "Züchter", inzwischen altersverwirrt, hatte im Garten seines Hauses vermutlich mehr als 200 Meerschweinchen "beherbergt" und sich immer weniger um sie gekümmert.
Einem Hinweis von Nachbarn des Mannes folgend, fanden die Stuttgarter und Rüsselsheimer Tierschützer inmitten ungezählter bereits verendeter Tiere etwa 80 schwerstkranke Meerschweinchen. Alle noch lebenden Tiere waren unterernährt, dabei stark abgemagert oder aufgedunsen. Die meisten hatten offene Wunden. Alle Weibchen waren trächtig, dabei mutmaßlich kaum noch eines in der Verfassung, zu gebären. Die geschundenen, verhungernden Tiere waren bereits so verwirrt, dass sie einander anfielen. Einigen fehlten bereits Ohren oder Gliedmaßen.
Tina Teubler, Vorsitzende des Rüsselsheimer Vereines, sagt, der Mann sei wohl auch früher nur gewesen, was man in Fachkreisen als "Vermehrer" bezeichnet. Im Gegensatz zu einem Züchter, der fachgerecht arbeitet. Unter den Tieren seien die wildesten Kreuzungen zugelassen worden. Mit entsprechenden Folgen, zum Beispiel Missbildungen.
74 Tiere konnten die Tierschützer dem Mann noch fortnehmen, wenn auch nicht auf einmal. In helleren Momenten wollte er etwas herausschlagen: Mindestens drei Euro brächten Meerschweinchen doch selbst noch als Futter für Schlangen. "Wir hatten angesichts des verheerenden Zustandes der Tiere keine Zeit zu verlieren und waren sogar bereit, zu zahlen", berichtet Teubler. Dann drehte sich der Wind wieder und der Mann wollte mal überhaupt keine Tiere mehr hergeben, mal war er bereit, einige kostenlos freizulassen.
Die Rüsselsheimer übernahmen in Karlsruhe die Hälfte der 74 noch lebenden Meerschweinchen, in zwei Schüben, am Heiligen Abend und am vergangenen Sonntag. Drei Tiere sind seither hier verendet. Trotz aller Fürsorge: Die Tiere werden von einigen opferbereiten Familien gepflegt. Tierärztin Dr. Susanne Seitz hatte unverdrossen gleich am Heiligen Abend Behandlungen eingeleitet. "Selbst diese erfahrene Ärztin hat uns gesagt, dass sie dergleichen noch nicht gesehen hat", erzählt Teubler. Für für den Verein ist dies eine der bedrückendsten Aufgaben seit seiner Gründung. "Wir werden die auf unbestimmte Zeit gar nicht vermittelbaren Tiere zu versorgen haben, denen wir mit viel Geduld und Liebe zeigen müssen, dass das grausamste Geschöpf auf Erden auch andere Seiten hat, als anderen Qualen zuzufügen."
zurück